Posts

Regenbogenfamilie in Russland

   Mikita kann sich kaum noch an seine früh an Krebs verstorbene Mutter erinnern. Doch er hat ein liebevolles Elternpaar - seinen Onkel Slawa und dessen Lebensgefährten Lew. Und weil  die Gesetzgbung in Russland ebenso wie die Gesellschaft ausgesprochen homophob ist, muss  Mikita sein Familienleben von klein auf mit Lügen, Verschleierungen, Unwahrheiten schützen. Sonst droht ihm im schlimmsten Fall die Einweisung in ein Kinderheim. In Mikita Frankos Coming od Age-Roman "Die Lüge" wird eine Regenbogenfamilie mit viel Empathie, aber ohne Sentimentalität oder gar Kitsch gezeichnet. Ich-Erzähler Mika hadert mitunter mit seinem Schicksal - Offiziell hat sein alleinstehender Onkel Elternstelle bei ihm übernommen. Slawa, ein unkomplizierter, spontaner Künstlertyp, nur 16 Jahre älter als Mika, war schon immer in seinem Leben präsent. Doch mit dem Arzt Lew, einem auf Ordnung und Manieren bedachten eher strengem Mann, der auch streng und aus Mikas Sicht ungerecht sein kann, tu...

Segeltörn mit Folgen

Subtile Spannung, gerade auch psychologish, und ein Drama, das sich erst nach und nach entfaltet: Michael Wirbitzkys Hörbuch "Acht, in Böen neun" ist mit einer Länge von 138  Minuten zwar kaum länger als ein Kinofilm, aber in dieser Zeit baut sich eine Menge auf. Das liegt sicher auch an den gleich vier Sprecherinnen und Sprecher - dadurch erinnert das Buch eher an ein Hörspiel. Allerdings ein Kammerspiel, denn die Handlung entschlüsselt sich aus einer Reihe von Monologen, Protokollen einer Polizeibefragung einer Gruppe von Freunden, die gemeinsam zu einem Segelurlaub nach Korsika aufgebrochen sind.  Die meisten Mitglieder des Segeltörns kennen sich seit 20 Jahren, sind immer wieder zusammen gesegelt, wenn auch in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Diesmal musste die Rückkehr in den südfranzöischen Hafen zur Rückgabe der Charteryacht trotz einer Sturmwarnung über Nacht erfolgen, da die Gruppe auf Korsika Zeit vertrödelt hatte. Dass dabei etwas gewaltig schief lief, wird sch...

Tod und Intrigen im Vatikan - Der Geheimbund

 Geheimbundaktivitäten und Intrigen hinter den Mauern des Vatikans - das hat nicht nur Dan Brown inspiriert. Daniel Silva ließ seinen israelischen Superagenten und Kunstexperten Gabriel Allon bereits mehrfach im Umkreis des Papstes ermitteln - nun auch im 20. Band der Allon-Reihe, "Der Geheimbund". Allon, mittlerweile nicht mehr der Jüngste, ist inzwischen der Chef des israelischen Geheimdienstes und will eigentlich Urlaub mit Frau Chiara und den kleinen Zwillingen in Venedig machen - Kunst, Kultur, gutes Essen und bella figura machen. Entspanung von den Härten des Agentenlebens. Doch natürlich: Es kommt anders. Denn Papst Paul VII., mit dem Allon in der Vergangenheit immer wieder zu tun hatte und den er als Freund bezeichnen kann, ist tot. Sein Privatsekretär Luigi Donati, ebenfalls ein Freund Allons, ist misstrauisch. Zwar war der Heilige Vater herzkrank. Doch die Umstände des Todes kommen ihm verdächtig vor, zu groß die Eile verschiedener Kurienkardinäle, denen die Reformb...

Diplomatische und andere Herausforderungen

  Diplomaten des Auswärtigen Amtes unterscheiden zwischen Standorten der Kategorie A, B, C, wobei Plätze wie London, New Yorrk, Paris, Washington, Brüssel oder Rom einerseits wegen ihrer Bedeutung, andererseits wegen der dortigen Lebensqualität der A-Klasse angehören. Fred, die Titelheldin von Lucy Frickes Roman "Die Diplomatin", hatte mit ihrem letzten Einsatzort Bagdad eindeutig die C-Karte gezogen, dafür ist sie nun Botschafterin in Montevideo - politisch bedeutungslos, ein ruhiger Posten, die größte Herausforderung ist der alljährliche Botschaftsempfang am 3. Oktober: Können Grillwürstchen deutscher Tradition besorgt werden, die unter der diplomatischen Community so beliebt sind? Und wer soll die Nationalhymne spielen - möglichst keine Blaskapelle emigrierter Altnazis! Kurzum, es könnte nach Jahren im Krisenmodus und in gepanzerten Fahrzeugen eine eher entspannte Phase im Leben der Karrierediplomatin werden, die herrlich undipöomatisch und leicht sarkatisch als Ich-Erzähl...

Ex-Kanzlerin ermittelt wieder in der Uckermark - Mord auf dem Friedhof

 Es ist noch kein Jahr her, seit David Safier seinen ersten Cozy-Krimi um Bundeskanzlerin Angela Merkel als Hobby-Detektivin in der Uckermark präsentierte, wo sie ihren Ruhestand nach dem stressigen Politikerleben genießt. Mittlerweile ist die Kanzlerin tatsächlich Ex-Kanzlerin und nicht mehr als Krisenmanagerin nicht mehr im Einsatz. Ob sie wie ihr literarisches Alter Ego Anflüge von Langeweile mit Kuchenbacken kompensiert, darüber lässt sich nur spekulieren. Auf jeden Fall hat Safier auch in seinem jetzt erschienenen Folgeband "Mord auf dem Friedhof" seiner Phantasie freien Lauf gelassen, um die Lücken im Alltagswissen über die auf ihre Privatsphäre bedachte Ex-Kanzlerin zu füllen. In der Hörbuchversion ist erneut Nana Spier mit spürbarem Vergnügen im Einsatz. Ihr nimmt man nicht nur den trockenen "Merkel-Ton" ab, auch die übrigen Figuren  werden stimmlich eingeordnet. Bei dem unterhaltsamen Hörvergnügen entsteht mühelos "Kopf-Kino". Doch worum geht es? ...

Ost-West-Geschichte um einen unwahrscheinlichen Helden

  Michael Hartung, Ossi, Ex-Eisenbahner, Ex-Braunkohlenmalocher, erfolgloser Videothekenbetreiber mit dem Hang zu ein paar Bieren zu viel, ist eine eher unwahrscheinliche Heldenfigur. Bis er eines abends Besuch von einem ehrgeizigen Journalisten erhält, der die Story seines Lebens wittert, passend zum 30. Jahrestag des Mauerfalls. Hartung sei es doch gewesen, der eine Massenflucht der Passagiere eines S-Bahn-Zuges ermöglichte, indem er eine ganz bestimmte Weiche gen Westen stellte. Ein Held, Stasi-Verhör und Untersuchungshaft inklusive. Hartung hört sich zu Beginn von Maxim Leos "Der Held von Bahnhof Friedrichstraße" diese Schilderung schon fast vergessener Ereignisse verblüfft an. Klar, da war was mit einer Weiche gewesen, Blöde Verwechslung, ziemlich peinlich. Er hatte mal wieder ein bißchen zuviel getrunken und obendrein verpennt. Und dann war da auch noch ein Bolzen abgebrochen und irgendwie war eine S-Bahn in den Westen gelangt. Aber scharfes Stasi-Verhör? Er hat nur neb...

Toxische Beziehung mit Längen

 La Boheme im 21. Jahrhundert, junge Frau und älterer Mann, Kunstszene und Finanzwelt, Unsicherheiten, Wunchvorstellungen und eine Beziehung, die keine ist: "Unser wirkliches Leben", der Debütroman von Imogen Crimp, hat es mir trotz vorhandenen Potentials nicht leicht gemacht, dranzubleiben. Was vermutlich daran lag, dass mich die Ich-Erzählerin Anna irgendwann ziemlich genervt hat mit ihrer Jammerei, ihrem Selbstmitleid und der ewigen Selbstbespiegelung. Anna studiert Operngesang, sie ist talentiert, hat ein Stipendium für das Londoner Konservatorium erhalten und singt in einer Hotelbar Jazz, um finanziell über die Runden zu kommen. In dieser Bar lernt sie eines Abends den Banker Max kennen, Ende 30 und damit eine ganze Ecke älter als die 24-jährige. Was zwischen den beiden beginnt, soll unverbindlich bleiben - einvernehmlicher Sex, von Liebe ist keine Rede, Essen in teuren Restaurants, er zahlt, sie richtet ihr Leben immer mehr nach ihm aus.  Doch zunehmend ist Anna regelre...