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Hebamme mit detektivischem Spürsinn - "Scheunenkinder"

Hulda Gold, die Hebamme mit dem detektivischen Spürsinn, lernt in Anne Sterns historischem Kriminalroman "Scheunenkinder" das Berlin der 1920-er Jahre abseits der "goldenen Zeiten" kennen.  Die selbstbewusste junge Frau kommt dank ihres Berufs in ganz unterschiedliche Milieus der Stadt - doch das Scheunenviertel in Berlin Mitte war für sie bisher ein unbekanntes Pflaster. Über die Vermittlung ihres Vaters soll sie in dem Stadtteil, der wegen seiner vielen ostjüdischen Einwohner wie ein galizische Stetl mitten in Berlin ist, der hochschwangeren Tamar durch die Geburt helfen. Die fromme orthodoxe Familie legt Wert auf eine jüdische Hebamme - auch wenn Hulda, deren Mutter Christin war, im Sinne des jüdischen Religionsgesetzes gar nicht als Jüdin anerkannt ist und auch ihr Vater als Vertreter des liberalen Reformjudentums wenig mit der Glaubenswelt der frommen und bitterarmen Ostjuden gemeinsam hat. Bei aller Faszination für die fremde Welt des Scheunenviertels merkt Hu...

Berührende Trauerarbeit - Sterben im Sommer

 Persönlicher geht es wohl nicht: Mit "Sterben im Sommer" setzt sich Zsuzsa Bánk mit der unheilbaren Krebserkrankung ihres Vaters auseinander, mit seinem Tod, dem ersten Jahr ohne ihn. Es ist buchstäblich Trauerarbeit, die sie als Ich-Erzählerin leistet.  In der Hörbuchversion ist Lisa Wagner eine Idealbesetzung für die Umsetzung des Buches. Ihre ruhige, manchmal spröde Stimme lenkt nicht ab von den Worten, ist nicht betont gefühlig, sondern nimmt sich angenehm zurück und erlaubt die Konzentration auf die of poetische und reflektierende Sprache der Autorin. Immer wieder macht Bánk mit vielen Wiederholungen den Einsruck, als Ringe sie noch beim Schreiben um das exakt passende Wort, als wolle sie damit dem Leser (oder Hörer) eine ganz bestimmte Nuance näher bringen. "Sterben im Sommer" startet mit einem letzten Familiensommer in der ungarischen Heimat der Eltern, die das Land nachdem niedergeschlagenen Aufstand 1956 verlassen haben. Noch einmal, ein letztes Mal, will ...

Tragikomische Familiengeschichte in Sowjetzeiten - Die schärfsten Geschichte der tatarischen Küche

 Mit "Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche" hat Alina Bronsky sowohl eine tragikomische Familiengeschichte geschrieben als auch die Spätphase der Sowjetunion wieder aufleben lassen - Komunalka, Datscha und eingelegtes Gemüse inclusive. In der Hörbuchversion gibt Sophie Rois mit rauem Charme der Matriarchin Rosalinda eine Stimme, die ihre Sicht der Familiengeschichte schildert, unerschütterlich davon überzeigt, dass dies ohnehin die einzig wahre ist. Rosalinda führt in ihrer kleinen Familie unangefochten das Zepter. Ehemann Kalganow mag als Gewerkschaftssekretär außerhalb der zwei-Zimmer-Gemeinschaftswohnung etwas zu sagen haben - doch in det Familie hat allein Rosalinda das Sagen, ebenso stolz auf ihre tatarischen Wurzeln wie auf ihre Sowjetidentität. An Selbstbewusstsein mangelt es der studierten Pädagogin nicht, und als Tochter Sulfia, die sie als schwächlich, reizlos und nicht sonderlich intelligent empfindet, ungewollt schwanger wird, führt Rosalinda einmal mehr ...

Motti, seine Mame und das Leid mit der Liebe

Motti ist 25, lebt noch immer zu Hause und hat noch nie mit einer Frau geschlafen. Dafür soll er heiraten, und zwar dalli. Leider hat der Frauen durchaus zugeneigte schüchterne Wirtschaftsstudent aus Zürich bei der Wahl der Frau fürs Leben herzlich wenig mitzureden, seine resolute Mutter dagegen führt das große Wort und präsentiert eine Kandidatin nach der anderen, die so drall und fromm sind wie sie selbst. So sehr Motti seine Mame auch liebt - er will nicht mit ihrem Alter Ego verheiratet sein. Konflikte sind da fast schon vorprogrammiert. Denn Motti Wolkenbruch, eigentlich Mordechai, ist das Nesthäkchen einer frommen jüdisch-orthodoxen Familie. Er pendelt zwischen zwei Welten - dem modernen Unibetrieb, an dem er zwangsläufig mit den Gojim zu tun hat, und die Welt der Schabbatessen, der jüdischen Gemeinde und einer Atmosphäre, in der Nestwärme und Kontrollzwang ziemlich nahe beieinander liegen. Der sanftmütige Motti will keinen Ärger, doch er will echte Liebe, nicht religiös-korrekte...

Mord als angewandte Literaturkritik

  Wieviel Morde passen auf knapp 300 Buchseiten oder in 400 Hörbuchminuten? Im Fall von Gerhard Henschels „Soko Heidefieber“ sind das ziemlich viele, darunter ziemlich schauerliche und ungewöhnliche. Ähnlich wie in einem Tarantino-Film verliert der Leser im Laufe dieser grotesk-überdrehten Kriminalsatire angesichts von Blut und Leichen auch schon mal den genauen Überblick.     Trotz lustvoll inszenierter Gewalt kommt der Humor in diesem schrägen Krimi nicht zu kurz. Wen wundert´s – Autor Henschel hat schließlich auch schon für das Satiremagazin „Titanic“ geschrieben. Bezeichnet wird „Soko Heidefieber“ als Überregionalkrimi – denn landauf, landab geht es Autoren des Genres an den Kragen oder vielmehr ans Leben. Das Besondere: Jeder von ihnen wird auf eine Art getötet, die  einem seiner Romane entnommen ist. Der Mörder, das ist klar, muss ein fleißiger Leser sein.  Auch ein besonders anspruchsvoller? Der Schriftsteller Frank Schulz spricht vor dem Bundes...

Kindheit-Alpträume und letzte Konfrontation

  Ein dichter, dunkler Wald voller Geheimnisse und düsterer Warnungen - dass ist der Stoff, aus dem die Märchen sind. In "Die Wälder" schickt Melanie Raabe ihre Protagonistin Nina zurück in das von dichten Wäldern umgebene Dorf ihrer Kindheit, um ein 20 Jahre zurück liegendes Geheimnis zu klären und dabei auch den Dämonen ihrer eigenen Vergangenheit entgegen zu treten. SHARE Labels Deutschland Psychologische Spannung Sound der Bücher

Solider Thriller und komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung

  Eine Frau im Kampf ums Überleben - nicht  allein, weil sie gerade mit einem Flugzeug in den Bergen Colorados abgestürzt ist:Mit "Freefall - Die Wahrheit ist Dein Tod" hat die amerikanische Autorin Jessica Barry einen soliden Thriller geschrieben, der durch eine konplizierte Mutter-Tochter-Beziehung ein  zusätzliches Element bekommt. Und das ist gut so - denn einige Entwicklungen sind irgendwie ziemlich vorhersehbar und können beim Lesen - oder in diesem Fall beim Hören - nicht sonderlich überraschen. Immer wieder wechselt die Perspektive de Erzählflusses, und das wird bei diesem Hörbuch auch durch die beiden Sprecherinnen ausgdrückt. Yara Blümel leiht Alison ihre Stimme, der jungen Frau, die einen Flugzeugabsturz an Bord einer Privatmaschine überlebt hat und nun durch die Wälder irrt. Schon früh erfährt der Hörer - Sie ist in der Wildnis nicht allein. Ein Mann hat sich an ihre Spur geheftet - und er hat offensichtlich nichts Gutes im Sinn. Gabriele Blum hingegen spricht...